27 Okt 2008

Ursinus über die Verdorbenheit des Menschen

Erstellt von Matthias Viraureus

Heidelberger Katechismus – 5. Frage:
Kannst du dies alles [d.h. das göttliche Gesetz] vollkömmlich halten?

Antwort: Nein[3], denn ich bin von Natur geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen[4].

3) Röm. 3, 10. 23; 1. Joh. 1, 7. 8
4) Röm. 8, 7; Eph. 2, 3

Kommentar:
Diese Frage lehrt uns, zusammen mit der vorhergehenden, dass unser Elend (das sich in zwei Teile gliedern lässt) kann aus dem Gesetz auf zwei Arten erkannt werden.

1. Indem wir uns selbst mit dem Gesetz vergleichen und
2. indem wir den Fluch des Gesetzes auf uns anwenden.

Das Vergleichen von uns selbst mit dem Gesetz oder des Gesetzes mit uns selbst besteht in der Erwägung der Reinheit, die das Gesetz fordert, und ob diese in uns ist. Dieser Vergleich beweist klar, dass wir nicht sind, was das Gesetz fordert, denn es fordert vollkommene Liebe zu Gott, während in uns nur Ablehung und Hass Ihm gegenüber besteht. Das Gesetz fordert auch von uns vollkommene Liebe zu unserem Nächsten, aber in uns findet sich Feindschaft unserem Nächsten gegenüber. Auf diese Weise erreichen wir also eine Erkenntnis über der ersten Teil unseres Elendes, der unsere Verdorbenheit betrifft, von der uns die Schrift an vielen Stellen überführt (Röm 8,7; Eph 2,3; Titus 3,3 etc.)

Die Anwendung des Fluches des Gesetzes auf uns selbst geschieht durch einen praktischen Syllogismus*, dessen Obersatz die Stimme des Gesetzes darstellt: »Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, daß er’s tue!« Unser Gewissen ergänzt und bestätigt in uns den Untersatz: »Ich bin nicht geblieben bei alledem, was geschrieben etc.« Die Schlussfolgerung besteht in der Zustimmung zur Aussage des Gesetzes: »Ich bin verdammt.« Das Gewissen diktiert jedem Menschen einen solchen Syllogismus. Es ist nichts anderes als ein solcher praktischer Syllogismus, der sich in den Gedanken formt: Der Obersatz besteht im Gesetz Gottes. Der Untersatz besteht in dem Wissen um was wir getan haben, entgegen dem Gesetz; und die Schlussfolgerung ist die Aussage des Gesetzes, die uns wegen Sünde verdammt. Die Zustimmung wird gefolgt von Trauer und Verzweiflung, wenn uns nicht der Trost des Evangeliums nahe gebracht wird, und wir die Vergebung der Sünde um des Sohnes Gottes, unseres Mittlers willen erhalten. Auf diese Weise bekommen wir die Erkenntnis über unseren sündigen Zustand und Aufschluss über die ewige Verdammnis (welche den zweiten Teil unseres Elendes darstellt), denn durch dieses Argument werden alle von Sünde überführt. Das Gesetz bindet alle an Gehorsam, und wenn dieser nicht geleistet wird, an ewige Bestrafung und Verdammnis. Aber niemand leistet diesen Gehorsam. Also sind alle Menschen der ewigen Verdamnis verfallen.

* ein Werkzeug in der Logik, bei dem aus einem Obersatz und einem Untersatz logisch auf eine Konsequenz gefolgert wird.

(übersetzt aus dem Englischen – der gesamte Kommentar zum Heidelberger Katechismus, dessen Hauptautor Ursinus war, kann hier [83 MB!] heruntergeladen werden)

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