9 Apr 2009

Der Tempel und die Gemeinde (3): Stiftshütte und Tempel

Erstellt von Matthias Viraureus

[ Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung von Abschnitt III aus dem Artikel “The Church’s Mission in the New Creation” (JETS, 48.1, S.3-31) von G. K. Beale]

In vorhergehenden Beiträgen hatten wir gesehen, dass man mit gutem Grunde den Garten Eden aus den ersten Kapiteln der Bibel als „Tempel“ bezeichnen kann, weil dort wesentliche Elemente schon vorhanden sind, die in den späteren Tempeln wieder begegnen. Welche Auswirkungen dies auf unser Verständnis der Patriarchen und ihrer „Mission“ hat, wurde in einem weiteren Beitrag erläutert. Im dritten Teil dieser Serie widmen wir uns nun der Stiftshütte und den Tempeln, wie sie uns in der Geschichte des Volkes Israels begegnen.

Zunächst muss allerdings noch eine allgemeine Beobachtung angeführt werden: An verschiedenen Stellen der Bibel wird das irdische Heiligtum als Abbild eines himmlischen Tempels beschrieben. Dieser himmlische Tempel wiederum wird uns nicht als statische Größe präsentiert, sondern als etwas, das sich auch auf die gesamte Erde ausdehnen sollte.

„Er baute sein Heiligtum wie [Himmels-]Höhen, wie die Erde, die er auf ewig gegründet hat.“ (Psalm 78,69)

Dass der irdische Tempel kein Selbstzweck war, sondern über sich selbst hinaus auf eine größere Realität wies, zeigt uns auch Jesaja 66,1:

„So spricht der HERR: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Wo wäre denn das Haus, das ihr mir bauen könntet, und wo denn der Ort meines Ruhesitzes?“

Im folgenden soll nun, ausgehend von der dreigeteilten Struktur der alttestamentlichen Tempel gezeigt werden, wie die biblischen Texte die Verbindungslinien zwischen irdischem und himmlischem Heiligtum ziehen.

These: (A) Das Allerheiligste repräsentiert die unsichtbare himmlische Dimension, (B) das Heilige steht für den sichtbaren Himmel und (C) die Entsprechung für den äußeren Vorhof stellt das sichtbare Meer und die Erde dar, wo die Menschen wohnen.

A) Für die Richtigkeit des ersten Teils unserer These sprechen folgende Punkte:

  • Die Cherubim der Bundeslade deuten auf die Cherubim vor Gottes Thron im Himmel hin.
  • Im Tempel wurde kein Bild von Gott aufgestellt, das Allerheiligste erschien darum leer.
  • Die Bundeslade wird als „Schemel“ der Füße Gottes beschrieben.
  • Das Allerheiligste wurde vom Heiligen durch einen Vorhang getrennt, was auf die Trennung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt hinweist.
  • Selbst der Hohepriester wurde durch den Rauch des Räucheraltars daran gehindert die Herrlichkeit der göttlichen Gegenwart zu sehen.

B) Hinweise auf die Verbindung zwischen dem Heiligen und dem sichtbaren Himmel:

  • Die Vorhänge des Heiligen waren in den Farben des Himmels gefärbt und Gestalten von geflügelten Geschöpfen waren eingewoben.
  • Die Lichter des Leuchters (in Salomos Tempel 10 Leuchter) ergaben zusammen mit den dunkleren Vorhängen ein Bild, das dem Sternenhimmel ähnelte.
  • Dazu kommt die Tatsache, dass das hebräische Wort für „Lichter“ abgesehen von den Orten in der Bibel wo es für die Leuchter im Tempel gebraucht wird nur in 1.Mose 1,14-16 vorkommt, wo es sich auf die Himmelskörper bezieht.

C) Der Vorhof als sichtbares Meer / Erdoberfläche:

  • Das Waschbecken der Priester im Vorhof wurde als Meer bezeichnet (2.Chr 4,6)
  • Der Altar in Israel wurde manchmal aus Erde, später eher aus unbehauenen Steinen gebaut. Zwei Ausdrücke „Schoß der Erde“ und „Ariel“ (Bezeichnung für den Berg Gottes) in Hes 43, 14-16 beziehen sich womöglich auf den Altar.
  • Israel als durfte (als Repräsentant für die Menschheit) im Vorhof Gott anbeten.

Die vielen Hinweise im Bibeltext und der Symbolik der alttestamentlichen Heiligtümer zusammengenommen, führen uns also zu dem Schluss, dass der irdische Tempel als kleines Abbild des himmlischen Heiligtums verstanden werden kann.

Dieses irdische „Modell“ sollte das Volk Israel daran erinnern, dass Gottes Gegenwart einmal den ganzen Kosmos erfüllen würde. Dies kann durchaus auch als Motivation zum Zeugendienst an den Heiden verstanden werden, die noch nicht im Vorhof des Tempels anbeteten. In prophetischen Texten sehen wir, wie sich schrittweise das Gebiet des Tempels auf ganz Jerusalem (Jes 4,4-6), dann auf das ganze Land Israel (Hes 37,25-28) und schließlich auf die ganze Erde (Dan 2,34-35) ausbreiten sollte.

Israels Ungehorsam aber verhinderte, dass sich das Licht der Gegenwart Gottes auf der Erde ausbreitete (Jes 42,6; 49,6). Das Königreich von Priestern erfüllte seine Rolle als Mittler für die Nationen nicht. Anstatt den Tempel als Anreiz zur „Heidenmission“ zu verstehen, betrachtete ihn das Volk als nationales Privileg und erwartete für die Nationen nur Gottes richtende Gegenwart.

Folglich führte Gott sein Volk ins Exil, zerstreute sie unter die Heiden, und begann von Neuem ein „Tempelbauprojekt“. Dieses Mal sollte das Ausmaß des Heiligtums das der vorhergehenden Tempel bei weitem übertreffen. Die gesamte Erde lag von nun an im Blickfeld. (Mehr dazu im 4. Teil)

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