23 Mai 2010
Der Tempel und die Gemeinde (5): Die Neue Schöpfung als Tempel
[ Dieser Beitrag ist eine Zusammenfassung von Abschnitt V aus dem Artikel “The Church’s Mission in the New Creation” (JETS, 48.1, S.3-31) von G. K. Beale]
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In der Offenbarung, Kapitel 21, wird die Neue Schöpfung wie folgt beschrieben:
1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel von Gott herabkommen, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut. 3 Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein.
Drei verschiedene Eindrücke werden in diesen Versen vermittelt:
- Der Neue Himmel und die Neue Erde
- Das Neue Jerusalem
- Das Zelt Gottes bei den Menschen.
Nun gehört es zum Wesen der Offenbarung, dass aufeinanderfolgende Visionen nicht unbedingt jeweils eine völlig neue Begebenheit beschreiben, sondern sich gegenseitig interpretieren. So auch hier. Der Neue Himmel und die Neue Erde wird mit dem Neuen Jerusalem identifiziert, das wiederum als das Heiligtum Gottes gedeutet wird. Die Neue Schöpfung wird also vollkommen von der Gegenwart Gottes erfüllt werden, wie das zuvor nur für den Tempel in Israel und später für die Gemeinde galt.
Offb 21-22 gibt einige Hinweise darauf, dass die Neue Schöpfung als Tempel verstanden werden will:
- In Offb 21,18 heißt es, dass die Stadt aus reinem Gold ist. Dies entspricht dem Allerheiligsten im Tempel Israels, das nach der Beschreibung des Alten Testamentes vollkommen mit Gold überzogen war (vgl. 1.Kön 6,20-22; 2.Chr 3,4-8).
- Eine Dreiteilung in Vorhof, Heiliges und Allerheiligstes findet sich in der neuen Schöpfung nicht mehr, da die Gegenwart Gottes die gesamte Stadt erfüllt. In der Tat muss die ganze Neuschöpfung als ein Allerheiligstes betrachtet werden. In Offb 21,16 steht, dass die Stadt der Form nach ein Würfel ist. Diese Form hatte im Alten Testament das Allerheiligste des Tempels Salomos (1.Kön 6,20).
Wie sind diese Entsprechungen zu verstehen? Hat sich Johannes wilder Vergeistlichung alttestamentlicher Aussagen schuldig gemacht? Haben wir es mit typologischer Erfüllung oder einfach mit bildlicher Entsprechung zu tun? Beale meint, Johannes sieht in der Neuen Schöpfung die buchstäbliche Erfüllung der ursprünglichen Absicht Gottes mit dem Tempel im Alten Testament.
Dort finden sich laut Beale zwei Arten von Prophezeiungen über den Tempel:
- Beschreibungen, die kein eigentliches Tempelgebäude im Blick haben (Jes 4,5-6; Jer 3,16-17; Sach 1,16-2,13; Hes 37,26-28; Lev 26,10-13; Dan 2,34-35.44-45)
- Darstellungen von einem wirklichen Tempelgebäude (Dan 8; 11-12; Hes 40-48).
Wie kann die zweite Art von Prophezeiungen als in der Neuen Schöpfung erfüllt betrachtet werden, wenn dort kein wirkliches Gebäude zu erwarten ist? Beale erklärt dies mit einer Illustration:
Ein Vater macht im Jahre 1900 seinem kleinen Sohn ein Versprechen. Wenn er groß geworden ist und heiratet, will dieser ihm ein Pferd und eine Kutsche schenken. Von der Vorfreude getrieben, macht sich der Sohn natürlich alle möglichen Gedanken über die Farbe des Pferdes und die Ausstattung der Kutsche. Vielleicht hat der Vater auch schon davon gehört, dass es bald möglich sein wird, Fahrzeuge herzustellen, die ohne Pferdekraft auskommen. Trotzdem verspricht er eine Pferdekutsche, weil der Sohn sich darunter etwas vorstellen kann. Als es 1930 dann soweit ist, und der Sohn heiratet, besteht das Geschenk nicht in einer Pferdekutsche, sondern in einem nagelneuen, motorbetriebenen Automobil.
Hat der Vater sein Versprechen gebrochen? War der Sohn enttäuscht? Beide Fragen können wohl mit Nein beantwortet werden. Das Versprechen wurde nicht nur eingehalten,vielmehr übertraf die Erfüllung das zuvor zugesagte.
Mit den Tempelverheißungen ist es ähnlich. Die viel größeren Erfüllungen im Neuen Testament, nämlich dass Gott nicht in einem Tempelgebäude sondern zunächst in der Person Jesus Christus und später durch seinen Geist mitten unter seinem Volk wohnt und letztendlich den ganzen Kosmos zu seinem Heiligtum machen wird, dürfen nicht als Widerspruch zu manchen Aussagen im Alten Testament verstanden werden.

